Die zehnjährige Kira wünscht sich nichts sehnlicher als ein Känguru. Als sie von ihrem Vater eines Tages einen Computer geschenkt bekommt , springt tatsächlich ein Känguru, das lange durchs Internet gereist ist, aus dem Computer und plumpst auf ihren Schreibtisch - Cangoo. Weitere Tiere und ein 873 Jahre altes Gespenst namens Albert folgen, und alle ziehen zusammen in die alte Villa am Seerosenteich. Sie könnten glücklich zusammen leben, wären da nicht die Rasomiten.

 

 

LESEPROBE:

 

 

 

Kapitel 4 - Watahulu und die Dichterlesung

 

Seinen ersten richtigen Freund, einen Elefanten, fand Cangoo, als er eines Abends Anfang März durchs Internet kurvte. Er war auf der Suche nach tropischen Früchten und landete dabei in Südafrika. Watahulu erzählte Cangoo, dass er unbedingt eine klimatische Veränderung bräuchte. Als die beiden auf meiner Homepage ankamen, die ich inzwischen eingerichtet hatte, verkleinerte Albert ihn und Cangoo mit einem Zauberspruch, sodass beide ganz leicht aus dem Bildschirm herauskriechen konnten. „Vergrößere mich wieder“, bat Watahulu ihn, als er in Miniaturformat auf meinem Schreibtisch herumspazierte. „Mich auch!“, rief Cangoo. „Kehrt schnell zurück in eure Gestalt. Nach dem langen Gewirr im Kabelwald“, rief Alberts dünnes Stimmchen und zauberte beide wieder auf ihre normale Größe zurück. Obwohl mein Vater Elefanten mag, war er am Anfang dagegen, Watahulu bei uns aufzunehmen. Aber Cangoo drängelte so sehr, dass er sich erweichen ließ. Bedrückt überlegte mein Vater, dass wir Watahulu unmöglich zumuten konnten, in unserem winzig kleinen Haus zu übernachten. Außerdem fragte er sich besorgt, ob der Boden nicht durchbrechen würde bei den 600 Kilo, die er ungefähr wog. „Kein Problem“, beruhigte Cangoo ihn, als hätte er seine Gedanken erraten. „Albert kann ihn ja ab und zu verkleinern. Und im Garten ist auch Platz.“

„Und was soll er fressen?“ Soviel ich wusste, fraßen afrikanische Elefanten mindestens hundert Kilo am Tag. Und mein Vater dachte mit Schrecken an unsere Wasserrechnung, falls Watahulu mal keine Lust hatte, Wasser aus dem Internet zu trinken. „Am liebsten mag er Traubenzuckerbonbons“, sagte Cangoo versonnen. „Und Bananen.“ Bald zeigte sich, dass Watahulu nicht nur Bananen mochte, sondern auch klassische Musik. Jedes Mal, wenn mein Vater ein Geigen- oder Klavierkonzert auflegte, spitzte er seine großen Ohren und hob seinen Rüssel anerkennend ein Stück hoch. Wenn er gut gelaunt war, trompetete er zum Leidwesen von Cangoo alle Melodien mit, denn er hatte ein phänomenales Gedächtnis und erinnerte sich an jede Note, die er gehört hatte. Aber er war ziemlich schüchtern, und es musste schon viel passieren, bis er mal einen Satz zusammenbrachte. Wir nahmen ihn bei unseren Spaziergängen immer mit zum See. Für Watahulu gab es kein größeres Vergnügen, als sich in die Fluten zu stürzen und fröhlich schnaubend eine Weile im Wasser zu plantschen. Als er ein wenig Vertrauen zu uns gefasst hatte, erzählte er uns, dass er südlich der Sahara aufgewachsen war. Landwildjäger hatten seine Eltern wegen ihrer Stoßzähne getötet. Jedes Mal, wenn er daran dachte, dass Teile seiner Eltern zu Schmuckstücken und Elfenbeinschnitzereien verarbeitet worden waren, schauderte es ihn und Krokodilstränen flossen aus seinen Augen. Dann hatten wir die größte Mühe, ihn wieder aufzumuntern. Nur der Gedanke an ein echtes Schlammbad versetzte ihn in bessere Laune.

Bei unseren täglichen Parkspaziergängen zogen wir es vor, ihm eine Tarnkappe aufzusetzen, die Albert erfunden und ihm geschenkt hatte. Denn er fraß mit Vorliebe Wiesen kahl und zerkleinerte alle Äste, an die er herankam. Sogar unser Gemüse und Brot mussten wir vor ihm in Sicherheit bringen, weil er beides fast noch lieber mochte als Traubenzuckerbonbons und nicht mehr zu halten war, wenn er ein Stück Spargel oder eine Sellerieknolle entdeckte. Eines Tages bat er Albert, ihm etwas aus seinen philosophischen Büchern vorzulesen und hörte ganz versunken zu. Denn er hatte in seinen jungen Jahren schon vieles erlebt und war froh, dass er nun einiges davon verstand. Cangoo ärgerte diese Zuneigung zwischen den beiden. Eifersüchtig versteckte er eines Tages die Tarnkappe, sodass Watahulu auf seinen täglichen Parkspaziergang verzichten und sich stattdessen Wälder im Internet heraussuchen musste, in denen er spazierengehen konnte. Ein Känguru ging ja gerade noch so. Aber ein Känguru und ein Elefant ... Wahrscheinlich hätten uns die meisten Leute ziemlich blöd angesehen, wenn sie uns mit beiden zusammen im Park gesehen hätten. Jedenfalls fühlte Watahulu sich von Tag zu Tag wohler bei uns. Um ihn wieder auf seine Seite zu ziehen, brachte Cangoo ihm eines Morgens im April zehn rohe Fische aus dem Internet mit. Weil er nicht undankbar erscheinen wollte, verkleinerte Watahulu sie und würgte sie herunter. Aber eigentlich war er Vegetarier und aß aus Prinzip nichts, was ein Gesicht hatte. Obwohl wir ihm einen großen Traubenzuckerbonbon zum Schlafen besorgt hatten, übernachtete er lieber im Kleiderschrank. Zwischen all den Hemden, Kleidern und Pullovern fühlte er sich pudelwohl und nahm dafür sogar in Kauf, dass Albert ihn nachts verkleinerte. Eines Morgens vergaß Albert vor lauter Zerstreutheit die Zauberformel, mit der er Watahulu wieder vergrößern konnte. So kam es, dass Watahulu die Welt einen ganzen Tag lang aus einer anderen Perspektive erlebte. Zum Glück fiel Albert die Zauberformel später wieder ein und er beamte Watahulu, der schon ungeduldig wurde, eilig auf seine ursprüngliche Größe zurück. Streit und Diskussionen mochte Albert nämlich überhaupt nicht. Im Gegensatz zu Cangoo der immer auf der Jagd nach etwas Essbarem war, war Albert schon zufrieden, wenn er ruhig am Fenster entlangschweben und dabei ungestört ein Buch lesen konnte. Eines Nachmittags im März, als Albert und Watahulu sich gerade wieder über die Frage unterhielten, warum man auf der Welt ist, warf Cangoo wütend einen Atlas an die Wand. „Wieso redet ihr immer so einen totalen Quatsch, der niemanden interessiert?“, stieß er wütend zwischen zwei Bissen Forelle hervor. Watahulu, der solche Ausbrüche von Cangoo nicht gewohnt war, zog eingeschüchtert seinen Schwanz ein, während Albert sich auf der Stelle unsichtbar machte, sodass nicht mal mehr seine Hülle zu sehen war. Angriffslustig funkelte Cangoo Watahulu an und boxte mit den Vorderpfoten. „Sag schon. Was soll der Blödsinn?“ Ein langes Schweigen entstand. Dann klapperte Watahulu mit den Ohren. „Wir denken, also sind wir“, erwiderte er leise, aber mit Nachdruck. „Totaler Quatsch!“, schrie Cangoo. „Wer denkt? Wer ist? Was soll das? Habt ihr nichts Besseres zu tun?“ Da Cangoo immer wütender wurde, mischte mein Vater sich ein. „Jedem das seine“, versuchte er, Cangoo zu beruhigen. „Wenn Watahulu und Albert denken wollen, dann lass sie denken.“

„Ich will aber nicht, dass sie die ganze Zeit denken!“, rief Cangoo, immer noch aufgebracht. „Zu viel Denken macht doof.“ „Warum setzt du dich nicht einfach zu uns und unterhältst dich mit uns über Bücher?“, fragte Watahulu, der wieder etwas Mut gefasst hatte. „Dein Beitrag könnte sehr wertvoll für uns sein.“ So kam es, dass Cangoo kurze Zeit darauf seine erste Dichterlesung im Internet plante. Um sich auf seine große Lesung vorzubereiten, aß er vier dicke Bücher. Eins davon war in Leder gebunden und ziemlich ungenießbar. Aber er dachte, was Albert kann, kann ich schon lange. Anfang März verschickte er jede Menge E-Mails an verschiedene Tierorganisationen, in denen er auf seine erste Dichterlesung aufmerksam machte. Denn er fand, es war an der Zeit, seine Gedichte nun endlich vor einem großen Publikum vorzutragen. Außer Watahulu, Albert und einigen Buschkängurus waren auch noch ein paar Pferde, Eichhörnchen, Esel, Zebras und Giraffen unter den Zuschauern. Cangoo hatte sich extra für diesen Anlass einen roten Anzug mit schwarz-weiß gepunkteter Fliege gekauft und trat nun so ans Podium in dem großen Internettheater, das er für seine Lesung gemietet hatte. Schlagartig wurde es still im Saal. Cangoo rückte seine Fliege zurecht und trat ans Mikrophon. „Ich bin Cangoo“, stellte er sich vor. Das Publikum wartete gespannt ab. Eine Giraffendame beugte sich zu ihrem Zebra-Nachbarn vor und flüsterte: „Ich bin schon sehr gespannt auf die Lesung. Wie man hört, hat Cangoo enorm viel Talent.“ Andächtig nickte das Zebra. Mit wichtigem Gesichtsausdruck schlug Cangoo ein rotes Buch aus Leder auf und rückte seine Lesebrille zurecht, die er extra gekauft hatte, obwohl er eigentlich auch ohne Brille gut sehen konnte. Im Saal herrschte atemlose Stille. Cangoo blickte auf das voll geschriebene Blatt vor sich, das Albert in Schönschrift für ihn notiert hatte. Mit einem Mal merkte er, dass er trotz der vier Bücher, die er mit Müh und Not heruntergewürgt hatte, nicht lesen konnte. Die Zuschauer sahen ihn voller Erwartung an und schwiegen andächtig. Nur ein Pferd mit langer, brauner Mähne räusperte sich und blickte dann entschuldigend um sich. Cangoo sah ins Publikum. „Ich bin Cangoo“, sagte er noch einmal bedeutungsvoll. Watahulu flatterte unruhig mit den Ohren und quietschte leise. Ein weiteres, langes Schweigen folgte. Ein braun-weiß gestreiftes Gnu flüsterte einem Eichhörnchen neben ihm zu: „Was hat das zu bedeuten?“ „Keine Ahnung“, erwiderte das Eichhörnchen, das an einer Haselnuss knabberte. „Vielleicht ist das moderne Kunst?“ Als eine weitere Viertelstunde vergangen war, ohne dass jemand ein Wort sagte, rückte Cangoo seine Fliege zurecht und verbeugte sich. „Das war’s“, verkündete er. Einen Augenblick lang war die Stille im Saal fast unheimlich. Dann folgte tosender Applaus. Die Pferde, Esel und Zebras trommelten anerkennend mit ihren Vorderpfoten auf dem Parkett und wollten gar nicht mehr aufhören. Die Eichhörnchen warfen wohlwollend Nüsse auf die Bühne, und die Tauben stimmten eine Lobeshymne an. Nur Watahulu wischte sich mit seinem Rüssel verstohlen ein paar Schweißtropfen von der Stirn, als Cangoo mit stolzgeschwellter Brust die Bühne verließ.

„Wie wär’s, wenn du in die Schule gingest und Lesen und Schreiben lerntest?“, schlug mein Vater Cangoo zwei Tage nach diesem denkwürdigen Ereignis vor. Denn die anderen hatten uns von seiner Dichterlesung erzählt. „Bücher zu essen reicht nicht, wenn man klug werden will. Außerdem sind sie schlecht bekömmlich“, sagte mein Vater. „Schule ist zum Beispiel total langweilig“, antwortete Cangoo und stopfte sich ein Schinkenbrot ins Maul. Mit Schaudern dachte er an den dicken Ledereinband, den er gegessen hatte, um schnell lesen zu lernen. Ihm war noch tagelang danach speiübel gewesen. „Aber du könntest dann bei deiner nächsten Lesung ein richtiges Gedicht vortragen. Ein etwas längeres“, mischte ich mich ein. Cangoo runzelte gedankenvoll die Stirn. Dann winkte er ab. „Ich bin doch schon weltberühmt. Meine Lesung war ein totaler Erfolg.“ Wie ein Gorilla klopfte er sich mehrere Male auf die Brust „Das war doch gar keine richtige Lesung“, wandte Watahulu etwas ängstlich ein, denn er wollte Cangoo nicht verstimmen. Cangoo stopfte sich zwei Bananen ins Maul. „Hat doch keiner gemerkt.“ Alberts Hülle schwebte tadelnd durchs Zimmer. Obwohl er nichts sagte, war er scheinbar auch der Meinung, dass Cangoo lesen lernen sollte. „Jetzt ist Schluss mit der Faulenzerei“, beendete mein Vater die Diskussion. „Ab nächsten Monat wird in die Schule gegangen.“ Seine Stimme klang so energisch, dass niemand, nicht einmal Cangoo, zu widersprechen wagte.




Kiras elfter Geburtstag steht kurz bevor. Das immerzu hungrige Känguru Cangoo, der Bilder malende Elefant Watahulu, das schüchterne Krokodilsmädchen Noko und ihre anderen Freunde schenken ihr eine Bilderreise nach Krakau, wo in einem Museum das weltberühmte Bild 'Dame mit Hermelin' von Leonardo da Vinci hängt. Doch plötzlich ist das Gemälde verschwunden, und niemand weiß, wohin. Eine spannende Verfolgungsjagd beginnt.

LESEPROBE Kap. 1:

 

 

WIEDER ZU HAUSE

Durch das Fenster konnte ich sehen, wie die Schneeflocken wild hin- und her stoben und dann nach einem kurzen Irrflug weich auf dem Boden landeten. Der Garten sah aus, als hätte ihn jemand in weiße Watte gehüllt, und die Apfel- und Kirschbäume, die noch im Sommer mit ihren bunten Blüten geprahlt hatten, streckten nun ihre kahlen, weißen Äste von sich.

Bist du froh, wieder hier zu sein?“ fragte Niklas und sah mich prüfend aus den Augenwinkeln an.

Ja, und wie!“

So schön und aufregend unsere Reise nach Australien auch gewesen war: ich glaube, insgeheim waren wir alle froh, wieder zu Hause zu sein. In unserer alten Villa am Seerosenteich, in die wir im Mai letzten Jahres mit Sack und Pack eingezogen waren.

Mit einem Mal sprang die Tür auf, und Cangoo hopste mit einem Riesensatz ins Wohnzimmer. Timbu, der Grizzly, tapste auf seinen großen Pfoten behäbig hinter ihm her. Ehe wir uns versahen, hatte sich Cangoo drei Mandelhörnchen auf einmal vom Kuchenteller geschnappt.

Hey, lass das. Die sind für Niklas und mich“, protestierte ich.

Verrückte Sache“, rief Cangoo und verschlang die Mandelhörnchen mit einem Haps.

Für ein normales Durchschnittskänguru hatte Cangoo wirklich außergewöhnlich großen Appetit. An einem einzigen Tag konnte er so viel in sich hineinstopfen wie andere nicht einmal in einer Woche. Trotzdem wurde er nie satt. Er fraß sogar mehr als Watahulu, unser Bilder malender Elefant, und das sollte schon was heißen.

Das musst du dir echt abgewöhnen“, knurrte Timbu und sah Cangoo so streng an, wie er konnte. Denn Timbu war eigentlich die Gutmütigkeit in Person, und es fiel ihm sehr schwer, streng auszusehen. „Was?“ fragte Cangoo kauend.

Sachen in dich rein zu schlingen. Erst recht, wenn sie dir nicht gehören.“

Du nervst zum Beispiel!“ erwiderte Cangoo gelassen, weil er keine Lust hatte, sich aufzuregen. „Überhaupt, wieso rennst du dauernd hinter mir her und gibst überall deinen Senf dazu?“

Dazu sind Freunde doch da“, meinte Timbu und kratzte sich verlegen hinterm Ohr.

Ich brauche aber keinen Freund, der so an mir klebt wie du!“ Timbu deutete mit seiner großen Pranke auf Cangoos die Nase: „Da klebt auch was. Schokolade.“

Ich brauche auch kein Kindermädchen“, maulte Cangoo, streckte seine Zunge raus so weit er konnte und schleckte den Rest Schokolade von seiner Nase ab.

Sei froh, dass du einen Freund hast“, mischte Niklas sich ein. „Wahre Freunde wie Timbu sind nämlich eine echte Seltenheit.“

Unwillkürlich musste ich wieder an unsere Jagd auf die Rasomiten denken. Timbu hatte sich damals sofort bereit erklärt, uns im Kampf gegen die gefährlichen Ganoven zu unterstützen. Seit wir sie alle gemeinsam besiegt hatten, hing er wie eine Klette an Cangoo und schien einen Narren an ihm gefressen zu haben, was niemand verstand. Am wenigsten Cangoo selbst, der monatelang nichts anderes im Kopf gehabt hatte, als einen Freund für sich aufzutreiben. Jemand, den er mit niemandem teilen musste. Und nun, da er ihn hatte, passte es ihm auch nicht.

Wie schaffst du es eigentlich, so viel in dich rein zu stopfen, ohne dass dir schlecht wird?“, fragte Niklas Cangoo.

Ich bin erst elf und muss groß und stark werden“, antwortete dieser, grapschte gierig nach dem letzten Erdbeertörtchen, das ich mir eigentlich gerade nehmen wollte, und schob es sich ins Maul. Timbu wiegte bedächtig mit seinem Riesenschädel hin und her: „Ähm... hat hier zufällig noch jemand Honig?“

Mein Vater hat zehn Eimer gekauft. Stehen in der Speisekammer“, antwortete ich. Timbu strahlte. Es gab nichts, was ihn so glücklich machen konnte wie ein Eimer Honig, und so tapste er hinter Cangoo her eilig aus dem Zimmer. Enttäuscht sah ich auf den leeren Kuchenteller. „Hier, nimm meins“, sagte Niklas und schob mir sein Erdbeertörtchen hin. Und wie jedes Mal, wenn er lächelte und ich die kleine Lücke zwischen seinen Vorderzähnen sah, machte mein Herz einen Hüpfer. „Soll ich dir mal was sagen, Kira? Weihnachten und Neujahr ohne dich... und die anderen... Das war ganz schön öde.“

Ehrlich?“ fragte ich und merkte, wie ich rot anlief.

Niklas nickte. „Ehrlich.“

Und wie jedes Mal, wenn er so etwas zu mir sagte, wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Vor lauter Verlegenheit sah ich schnell wieder aus dem Fenster. „Schön, oder?“ meinte Niklas.

Der Schnee?“

Niklas nickte. „Ja. Sieht aus, als ob die Welt neu geboren worden ist. Als Wolke. Oder Zuckerwatte.“

Ich klaubte eine Erdbeere aus meinem Törtchen und schob sie mir langsam in den Mund. „Und alles, was unter dem Schnee liegt, ist verschwunden und kommt vielleicht nie wieder.“


Ich dachte daran, wie sehr sich alles verändert hatte, seit mein Vater mir vor ungefähr einem Jahr meinen ersten Computer geschenkt hatte. Cangoo hatte sich nach einer langen Reise durchs Internet eines Tages plötzlich aus dem Computer gequetscht und stand hungrig mitten in meinem Zimmer. Und so waren nach und nach auch die anderen in mein Leben getreten. Niklas war zum ersten Mal mit mir Eis essen gegangen. Wir waren von unserer kleinen, immer kalten Wohnung in die große alte Villa am Seerosenteich umgezogen und hatten ein gefährliches Abenteuer gegen die Rasomiten bestanden, böse, habgierige Ritter aus dem Mittelalter, die unser Gespenst Albert entführt und im Alten Leuchtturm gefangen gehalten hatten, aus dem wir ihn dann befreiten.

Und jetzt?“ fragte Niklas, nachdem wir das letzte Krümelchen Kuchen verputzt und den heißen Kakao mit Sahne ausgetrunken hatten. „Wie wär’s mit einer Schneeballschlacht?“

Wenn du unbedingt wieder verlieren willst“, antwortete ich grinsend. Im nächsten Augenblick hatte ich ein Sofakissen im Gesicht. „Na, warte“, rief ich, schnappte mir ein Kissen und warf es Niklas mit aller Wucht an den Kopf.


Später, als Niklas nach Hause gegangen war, fiel unsere Reise nach Australien mir wieder ein. In der ganzen Zeit hatte es keinen Augenblick gegeben, in dem ich nicht an Niklas gedacht hatte. Immerzu wünschte ich mir, dass er auch da wäre, bei mir. Am Strand beim Muscheln suchen. Wenn wir mit unserem klapprigen Mietwagen laut singend staubige Landstraßen entlang fuhren. Als Cangoo uns in Alice Springs, wo er geboren war, seine alten Freunde vorstellte, die ihn alle mit großem Trara begrüßten. Als wir staunend und schwitzend (denn wenn bei uns Winter ist, ist in Australien Sommer) vor den blühenden Eukalyptus- und Akazienbäumen standen, von denen manche bis in den Himmel hinein zu wachsen schienen. Als wir unseren ersten Koala entdeckten, der wie ein plüschiger Teddybär aussah und gerade schwerfällig einen Baum hochkletterte. Als Cangoo, tolpatschig wie er war, um ein Haar auf eine Tigerotter, eine gefährliche Giftschlange, getreten wäre und sie dann mit lautem Gebrüll verscheuchte. Und beim Tauchen im Great Barrier Reef, wo wir Fische sahen, die so bunt und schillernd waren, dass sie aussahen wie angemalt. Als wir alle gemeinsam vor einem Baobab standen, einem Affenbrotbaum, dessen dicker Stamm mich an eine bauchige Flasche erinnerte. Mein Vater hatte irgendwo gelesen, dass dieser Flaschenbaum älter als vierhundert Jahre alt war. Also ungefähr vierundzwanzig Mal so alt wie Niklas und ich zusammen. Vielleicht sogar noch älter. Immer stellte ich mir vor, Niklas wäre dabei. Ich stellte mir vor, wie ich zu ihm sagte, dass der Baobab wie ein Kamel große Mengen Wasser speichern konnte. Und dann malte ich mir aus, wie Niklas mich staunend ansehen und sagen würde: „Ehrlich?“

Und dass seine grünen Augen dabei vor lauter Staunen so dunkel werden würden wie das Moos, das am Waldrand wächst. In manchen Augenblicken wünschte ich mir Niklas so sehr herbei, dass ich das Gefühl hatte, er sei tatsächlich da, und würde diese aufregende, fremde Welt voller Kängurus, Koalas, bunter Fische, roter Felsen und Baobabs gemeinsam mit uns erforschen. Dann ertappte ich mich mit einem Mal dabei, wie ich etwas zu ihm sagte. Und wie er mir antwortete. Und wenn ich mich dann zu ihm umdrehte, war er plötzlich verschwunden. Nur mein Vater, Cangoo, Timbu und die anderen standen da und grinsten mich vergnügt an. Und Mintz, unser hellsichtiger Papagei, kreischte vor Vergnügen laut auf: „Kira ist verknallt. Kira ist verknallt.“

Als ich in dieser Nacht in Australien mitten zwischen dem Pazifischen und dem Indischen Ozean in meinem Schlafsack lag, in einem großen Campingzelt, das ich mir mit meinem Vater, Cangoo und Timbu teilte, dachte ich noch lange darüber nach, was es bedeutet, verknallt zu sein. Ich wusste es nicht. Und eigentlich war es mir auch egal, ob ich verknallt war oder nicht. Es gab zwar Mädchen in meiner Klasse, die anderen Mädchen hinter vorgehaltener Hand zutuschelten, dass sie sich in einen Jungen verknallt hatten. Dann folgte immer großes Gekicher. Und ich hatte auch schon davon gelesen, in Büchern oder Zeitschriften. Aber wie es wirklich ist, wenn man in jemanden verknallt ist: davon hatte ich keine Ahnung. Ich wusste nur, dass die Wolken schneller flogen, wenn Niklas in der Nähe war. Die Sonne schien heller zu scheinen. Das Gras schien saftiger zu sein. Der Kuchen schmeckte süßer als sonst, und der bewaldete Boden in der Nähe von unserer alten Villa am Seerosenteich kam mir viel weicher vor, seit ich zum ersten Mal mit Niklas Eis essen gegangen war. Ich war noch nie von einem Jungen geküsst worden. Und ich hatte noch nie einen Jungen geküsst. Und manchmal, wenn ich daran dachte und die anderen aus meiner Klasse darüber reden hörte, grübelte ich darüber nach, ob mit mir vielleicht etwas nicht in Ordnung war. Aber wenn Niklas wieder bei mir war, wurde mir das alles egal. Ich dachte nicht mehr darüber nach, ob es an der Zeit sei, einen Jungen zu küssen, weil ich bald elf Jahre alt werden würde. Das einzige, was zählte, war, dass Niklas in der Nähe war. Dass er, während wir in Australien waren, auf mich wartete, wie er es versprochen hatte. Dass alles mit ihm vertraut war und gleichzeitig ganz neu. Dass sein Haar so gelb war wie ein blühendes Kornfeld und nach einer Mischung aus Meer, frischen Himbeeren und Waldboden roch.


Es klopfte an der Tür, und ich schreckte aus meinen Gedanken hoch.

Ja?“

Mein Vater steckte seinen Kopf zur Tür herein und sah, dass noch Licht brannte. „Du bist noch wach?“

Ja.“ Ich richtete mich im Bett auf. Mein Vater kam rein, zog die Tür leise hinter sich zu, um die anderen nicht zu stören und setzte sich zu mir auf den Bettrand.

Alles in Ordnung?“ Er sah in mein nachdenkliches Gesicht.

Ja. Ich musste nur gerade an Australien denken.“ Mein Vater nickte bedächtig. „Hat es dir dort gefallen?“

Mmh, sehr“, murmelte ich.

Er lächelte, und wieder wurden die Grübchen in seinen Wangen sichtbar. „Mir auch“, sagte er. „Weißt du eigentlich, dass manche Baobabs mehrere tausend Jahre alt werden? Und dass ein Koala länger als zwanzig Stunden am Tag schlafen kann?“

Ich nickte. „Sogar länger als ein Faultier. Wieso eigentlich?“

Um Energie zu sparen“, sagte mein Vater.

Aber dann bleiben nur vier Stunden am Tag übrig, in denen der Koala wach ist.“

Wieder nickte mein Vater. „Meistens nachts. Viel kriegt er wohl nicht mit von der Welt.“

Vielleicht doch“, entgegnete ich. „Vielleicht kommen dem Koala die vier Stunden, die er wach ist, viel länger vor als wenn wir vierzehn oder fünfzehn Stunden wach sind.“

Wenn wir das nächste Mal nach Australien fliegen, fragen wir ihn, okay?“ meinte mein Vater und setzte sein spitzbübisches Gesicht auf.

Okay.“

Er beugte sich zu mir und küsste mich auf die Stirn. „Schlaf schön, Kira!“

Du auch“, murmelte ich und merkte, wie mir schon fast die Augen zufielen. Und kurz vorm Einschlafen dachte ich daran, dass Niklas‘ Augen, als er mit dem Kissen nach mir geworfen hatte, so grün gefunkelt hatten wie das Gras in unserem Garten, wenn es gerade frisch gemäht worden ist.

 

Demnächst als E-Book verfügbar. Mehr Infos und Leseprobe  in Kürze.

Bei den Geschwistern Jan und Noelia klingelt eines Tages plötzlich ein Eisbär. Er hat sich vom Nordpol auf die Reise gemacht, um zu erforschen, woher die Wärme kommt. Zusammen mit dem Forscherpinguin und dessen 50 Neffen will er Iglus errichten, die auch bei Plusgraden nicht schmelzen. In einem baufälligen Haus gegenüber von Jan und Noelia toben unterdessen die Lärmgeister. Der Hund soll ihnen den Garaus machen und gründet zu dem Zweck eine Schule, in der er Hunde zu Geheimagenten ausbildet. Das spannende Abenteuer nimmt seinen Lauf.

 

 

Leseprobe:

 

(8) DIE HUNDE-GEHEIMAGENTENSCHULE

 

Nach drei Tagen im Disneyland Paris hatte der Eisbär genug von tanzenden Micki Mäusen, Donald Ducks und Goofys. Er hatte Piraten aus der Karibik fechten sehen, sich von einer Turbolaserkanone ins All schießen lassen, wo man rasenden Meteoriten und schwarzen Löchern ausweichen musste, und war im Hotel des Schreckens mit einem Fahrstuhl viele Meter in die Tiefe gestürzt. Natürlich alles nur zum Spaß. Er hatte sich den Bauch so vollgeschlagen, dass er befürchtete, bald zu platzen, und ihm war immer noch übel von den vielen Achterbahn- und Wildwasserkanufahrten. Außerdem ärgerte es ihn, dass die meisten Disneylandbesucher ihn für einen verkleideten Menschen hielten, der zur Show gehörte, auch, wenn er nichts gegen das Trinkgeld hatte, das die Leute ihm in die Hand drückten. Das Okapi stand meistens dabei und lachte sich schlapp. Denn es musste nicht viel passieren, damit das Okapi vor Lachen kreischend am Boden lag.

„Mein Geld ist fast alle. Außerdem ist es langweilig hier“, beschwerte sich der Eisbär, als sie nach einem langen Tag abends wieder im Hotel waren und sich an der Bar noch ein Pfefferminzbier genehmigten. „Ich will nach Hause“, maulte er.

Das Okapi, das heute einen rosa Hut trug, auf dem eine Plastiktomate steckte, sah ihn entgeistert an. „Du willst freiwillig zum Nordpol zurück?“

Der Eisbär schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, nach Berlin. Außerdem habe ich dem Forscherpinguin versprochen, ihm beim Forschen zu helfen. Schließlich wollten wir zusammen herausfinden, woher die Wärme kommt.“

„Gut, ich bin dabei. Es wird Zeit, dass ich mir in Berlin eine neue Bleibe suche und mein Hütelager sortiere“, rief das Okapi.

„Du hast ein ganzes Lager mit diesen albernen Hüten?“, fragte der Eisbär verständnislos.

Das Okapi nickte stolz. „Genaugenommen besitze ich 584 Hüte. Noch sind sie in einem Geheimversteck im Zoo, aber es dürfte kein Problem sein, sie dort herauszuholen.“

„Du hast echt einen Hüteknall“, rief der Eisbär und schüttete den Rest seines Pfefferminzbiers herunter.

„Lieber einen Knall als keinen Hut“, erwiderte das Okapi selbstbewusst. „Also, wann reisen wir ab?“

„Morgen.“

„Abgemacht“, sagte das Okapi.

 

Am nächsten Vormittag trafen der Eisbär und das Okapi am Flughafen Berlin Tegel ein, wo der Hund sie schon aufgeregt erwartete. Auf dem Rückweg im Taxi redete der Hund wie ein Wasserfall und erzählte dem Eisbären alle Neuigkeiten, die sich während dessen fast Reise zugetragen hatten. Auch, dass die Pinguine seine Hundehütte auf dem Grund der Spree gefunden hatten, die dreizehn Restauratorenpinguine gerade dabei waren, sie zu reparieren, und er solange bei uns übernachtete.

„Dann ist ja alles wieder in Butter“, grummelte der Eisbär, der noch müde vom frühen Aufstehen war.

„Also, ich würde mich ja niemals bei anderen Leuten einnisten“, sagte das Okapi etwas von oben herab und rückte seinen Hut zurecht. „Ich wohne immer im Hotel. Meistens in einer Luxussuite. Je luxuriöser, desto besser. Ich habe nämlich am liebsten meine Ruhe. Und ein ausgiebiges Frühstück mit weich gekochten Eiern und frischem Orangensaft bekommt man dort auch serviert.“

Der Hund sah das Okapi bewundernd an. „Und woher haben Sie das nötige Kleingeld, um im Hotel zu übernachten?“

„Das drucke ich mir einfach“, sagte das Okapi wie selbstverständlich. Einen Moment lang waren der Eisbär und der Hund so baff, dass keiner ein Wort hervorbrachte.

„Sie drucken sich Ihr Geld selbst?“, fragte der Hund schließlich beeindruckt.

Das Okapi nickte, fletschte die Zähne und sah aus, als würde es jeden Moment wieder vor Lachen loskreischen. Dann riss es sich zusammen und sagte: „Wenn man acht Jahre lang im Zoo immer nur im Kreis herumlaufen und sich von Leuten begaffen lassen muss, ist das auf Dauer ziemlich öde. Darum habe ich mir die Zeit damit vertrieben, in meinem Gehege in einem Geheimversteck eine kleine, aber feine Fälscherwerkstatt aufzubauen. Oder glauben Sie, ich könnte mir sonst so schicke Designerhüte leisten?“ Es tippte an seinen gelben Hut, der aussah wie eine aufgeklappte Bananenschale mit eingestickten Perlen.

 

Als alle sich satt gegessen hatten, inspizierte der Eisbär die Pinguinvilla. Die Pinguine, die den Eisbären bisher nur vom Hörensagen und aus dem Fernsehen kannten, stellten sich alle mit Namen vor. Ihr Onkel, der Forscherpinguin, hatte ihnen schon erzählt, dass der Eisbär keine Pinguine fraß. Die meisten von ihnen schüttelten ihm deshalb freundlich die Pfote. Nur der Angsthasenpinguin blieb in sicherer Entfernung stehen, denn er traute der Sache nicht so recht. Im Hof waren die Restauratorenpinguine gerade dabei, die Hundehütte wieder instandzusetzen und hämmerten und sägten, was das Zeug hielt. Der Hund stand kritisch daneben und beobachtete die Arbeiten mit Argusaugen. Er hatte an allem etwas auszusetzen. Er beklagte sich darüber, wie die Pinguine die Nägel in die Holzplanken schlugen, dass die Planken nicht zusammenpassten, dass das Holz an einigen Stellen Risse hatte und an anderen moderig war, weil es so lange im Wasser gelegen hatte. Er nörgelte und schimpfte so lange, bis die Restauratorenpinguine die Nase voll hatten. Der Chefrestauratorenpinguin baute sich genervt vor dem Hund auf und sagte: „Sollen wir Ihre Hütte jetzt wieder in Ordnung bringen oder nicht?“

„Natürlich“, rief der Hund.

„Dann stehen Sie hier nicht länger dumm herum und geben überall Ihren Senf dazu. Sonst wird das nämlich nie was.“

Der Hund wollte gerade wütend etwas erwidern, als der Eisbär ihn zur Seite zog und sagte: „Schluss mit dem Genörgel. Lass uns lieber überlegen, wie wir schnell wieder zu Geld kommen. Meins ist nämlich fast alle. Und wie ich dich kenne, hast du keins.“ Er überlegte einen Augenblick und rief dann: „Was dir fehlt, ist ein Beruf. Wer einen Beruf hat, verdient auch Geld. Meistens jedenfalls.“

„Aber ich will doch Geheimagent werden“, rief der Hund empört. Dann fügte er kleinlaut hinzu: „Ich habe nur keine Ahnung, wie man überhaupt ein richtiger Geheimagent wird. Alles, was ich bislang gegen die Lärmgeister unternommen habe, war jedenfalls nicht sehr erfolgreich.“ Der Hund seufzte unglücklich.

„Geheimagent wird man, indem man geheim bleibt“, rief der Eisbär entschlossen. Er überlegte einen Augenblick und sagte dann: „Mach doch einfach eine Geheimagenten-Schule auf.“

Der Hund sah ihn mit großen Fragezeichen in den Augen an. „Und wer soll die Schüler unterrichten?“

„Du natürlich“, rief der Eisbär. Du wirst Direktor und Geheimagentenkundelehrer, und ich dein Supervisor. Weißt du, was ein Supervisor ist?“ Der Hund schüttelte den Kopf.

„Das ist so eine Art Berater“, sagte der Eisbär. „Du wirst dir im ganzen Land Hunde suchen, die Geheimagent werden wollen. Natürlich kannst du auch noch andere Lehrer und Geheimagenten einstellen, die die Schüler unterrichten. Und ich beobachte das Ganze von außen und berate dich dabei.“

„Aber ich weiß doch gar nicht, wie man Geheimagentenkunde unterrichtet“, sagte der Hund.

„Das musst du auch gar nicht“, antwortete der Eisbär. Er zwinkerte dem Hund zu. „Das Prinzip ist: Learning by doing. Das bedeutet, du machst es einfach und lernst es dabei selbst.”

Der Hund wedelte freudig mit dem Schwanz. Die Idee, eine Geheimagenten-Schule aufzumachen, gefiel ihm. Kurz darauf setzten der Eisbär und der Hund ein Inserat in die Zeitung, mit dem im ganzen Land und auch im Ausland Hunde gesucht wurden, die sich zum Geheimagenten ausbilden lassen wollten. Innerhalb einer Woche hatten sich 122 interessierte Hunde gemeldet. Der Hund schickte allen eine E-Mail, in denen er ihnen mitteilte, wann sie zur Aufnahmeprüfung erscheinen sollten. Denn er wollte nur die Begabtesten von ihnen zum Geheimagenten ausbilden. Außerdem musste jeder, der genommen wurde, Schulgeld bezahlen und eine Dose Hundekekse mitbringen. Der Eisbär suchte unterdessen geeignete Schulräume, mietete ein leerstehendes Haus in der Nähe und schaffte die nötigsten Möbel herbei.

Am kommenden Sonntagnachmittag um vier fanden sich 120 Hunde in der neuen Schule ein. Zwei Hunde hatten abgesagt, da sie kein Geld für die Reise nach Berlin und auch keine Mitfahrgelegenheit hatten. Die Prüfung bestand darin, dass jeder Hund seinen eigenen Namen buchstabieren musste. Da die Hälfte der Hunde dazu nicht in der Lage war, blieben nach der Prüfung nur noch sechzig Hunde übrig, die für die Ausbildung zum Geheimagenten in Frage kamen. Die anderen sechzig trotteten entmutigt wieder davon.

Kurz darauf, an einem Montag im Februar, begann der Unterricht. Die erste Lektion handelte davon, wie man als Geheimagent geheim bleibt. Der Hund baute sich vor seiner neuen Schulklasse auf, guckte wichtig und sagte: „Das Wichtigste beim Geheimagenten ist, dass niemand erkennt, dass er Geheimagent ist. Deshalb muss ein Geheimagent immer verkleidet sein. Aus dem Grund gibt es nun Schlapphüte und Sonnenbrillen für alle.“ Er verteilte sechzig große Schlapphüte und Sonnenbrillen. Gespannt warteten die Hunde ab, was als Nächstes passierte. Der Hund, der seinen eigenen Schlapphut tief in die Stirn gezogen hatte und auch durch die dunkle Sonnenbrille nichts mehr sehen konnte, sagte: „Zuerst lernen wir, uns mit der Verkleidung ganz normal zu bewegen. Das mache ich euch jetzt vor.“ Er tapste halb blind ein paar Schritte durch den Raum und rief: „Alle mir hinterher!“ Die anderen Hunde taten es ihm nach. Da gab es einen Knall, und der Hund, der gegen die Wand gelaufen war, rieb sich stöhnend die Stirn. Kurz darauf rannten noch fünf andere Hunde gegen die Wand. Laute Schmerzensschreie waren zu hören. Und dann stolperten auch noch die anderen Hunde, die hinterhergerannt kamen, über ihre am Boden liegenden Kollegen. Die fünf Hunde, die sich den Kopf angeschlagen hatten, drei Schäferhunde, ein Dalmatiner und ein Mops mussten sofort ins Krankenhaus gebracht werden, wo ihnen große Verbände um die Schlapphüte gewickelt wurden, denn der Hund hatte ausdrücklich befohlen, dass sie den Schlapphut und die Sonnenbrille als angehende Geheimagenten auf keinen Fall absetzen durften. Der Hund selbst legte sich einen großen Eisbeutel auf den Kopf und zog den Schlapphut wieder darüber, denn als Lehrer hatte er schließlich keine Zeit, um lange im Krankenhaus herumzuliegen. Am Ende des ersten Schultags stellte er sich auf ein Podest, hielt sich den schmerzenden Kopf mit der Pfote und begann eine Rede: „Geheimagent ist der wichtigste Beruf der Welt. Wenn ihr erst mal fertig mit der Ausbildung seid und alle Prüfungen bestanden habt, bekommt ihr ein Geheimagentenzeugnis und werdet für sehr wichtige Leute arbeiten. Für reiche Ölscheichs, für Politiker und Filmstars und für alle anderen, die unbedingt einen Geheimagenten brauchen. Bis dahin müsst ihr aber noch ein paar sehr wichtige Aufgaben absolvieren. Denn nur die Besten von euch können Top-Geheimagenten werden und werden in die Geschichte der Geheimagenten eingehen.“ Er sah mit wichtiger Miene in die Runde, so gut das mit der Sonnenbrille eben ging, und rief: „Habt ihr das alle verstanden?“ Zur Bestätigung kläfften die Hunde und trommelten mit den Pfoten auf den Boden.

 

 

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