Inhalt:

Die 40-jährige Lisa jobbt als Castingagentin bei der Telenovela Aller Tage Abend. Wie die meisten Frauen bei 7soap film schwärmt sie für den attraktiven Serienstar Hanno. Was Männer angeht, schliddert Lisa allerdings von einem Desaster ins nächste. Auch ihren Freundinnen Marlene und Fabienne ergeht es nicht viel besser. Als Lisa beschließt, der Liebe ein für alle Mal abzuschwören, geschieht etwas, womit sie nicht gerechnet hat.

 

Leseprobe:

 

1

 

Es klingelte Sturm. Ich schreckte aus dem Tiefschlaf hoch und versuchte mühsam, wenigstens ein Auge zu öffnen, was mir nicht ohne weiteres gelang. Meine Wimpern waren immer noch verklebt, seit ich sie gestern Abend mit der neuen, angeblich revolutionären Wimperntusche mit dem verheißungsvollen Namen Mascara Plus Perfection getuscht hatte. Es hieß, dass die neue, mit einem Motor betriebene Mascara für einen explosiven Augenaufschlag, seidige Länge und perfekte Wimperntrennung sorgen sollte. Nur war leider von Letzterem keine Spur zu merken. Vielleicht war es ja meinem durch die neue Wimperntusche aufregenden, tiefgründigen und ausdrucksstarken Blick voller Magie zu verdanken, dass sich gestern Abend von allen anwesenden Männern ausgerechnet Hansjörg an mich herangemacht hatte. Nichts gegen Hansjörg. Er war nett. Vielleicht sogar etwas zu nett, um es mit meinem aufreizenden Augenaufschlag und dem dahinter verborgenen, unausgesprochenen Versprechen aufnehmen zu können. Hansjörg war Kameramann, und er verkörperte nicht gerade das, was ich mir unter einem attraktiven Vertreter des männlichen Geschlechts vorstellte. Kaum größer als ich und von kompakter Gestalt wirkte er etwas gedrungen. In Ermangelung eines Halses saß sein Kopf fast übergangslos auf seinen zugegebenermaßen recht breiten Schultern. „Ich war früher mal NRW-Meister im Ringen“, erzählte er stolz, als ich mich nach dem vierten oder fünften Strawberry Daiquiri dummerweise dazu hatte hinreißen lassen, seine muskulösen Schultern lobend zu erwähnen. Stöhnend fasste ich mir an die Schläfen, während ich noch immer mit dem verklebten Auge kämpfte. Wenn meine Erinnerung mich nicht trog und ich wirklich vier oder fünf von den so harmlos wirkenden Cocktails mit Erdbeergeschmack getrunken hatte, hatte ich gestern Abend mindestens einen Viertelliter weißen Rum in mich hineingeschüttet, ganz zu schweigen von den diversen Gläsern Champagner, die darauf gefolgt waren.

Die Türklingel schrillte grell in meinen Ohren. „Verdammt noch mal. Welcher Idiot wagt es, mich mitten in der Nacht zu wecken?“ Endlich ging das verklebte Auge auf, und mein einäugiger Blick fiel auf den Radiowecker. 12.34 Uhr. Das konnte unmöglich sein. Oder doch? Ich griff nach einem der zahlreichen Papiertaschentücher, die ich gewohnheitsmäßig um mich herum verstreue, weil sie mir irgendwie Halt im Leben geben, und rieb mir damit die Mascara aus dem zweiten, noch geschlossenen Auge, um erneut einen Blick auf den Wecker zu werfen. Es war wirklich schon kurz nach halb eins. Mittags. Wieder klingelte es, diesmal gleich dreimal hintereinander. „Jaaa, ich komme ja schon.“ Schwerfällig quälte ich mich aus dem Bett und stolperte als Erstes über mein kleines Schwarzes, das ich am Vorabend achtlos auf den Boden geworfen hatte. Ich hatte das Teil eigens für die gestrige Party in einer sündhaft teuren Boutique erstanden, und es war mit knapp zweihundert Euro sogar ein echtes Schnäppchen gewesen. Aber wenn ich es mir recht überlegte, war es eine unnötige, wenn nicht sogar überflüssige Investition. Es zauberte zwar eine Modeltaille und betonte mein nicht allzu üppiges Dekolleté auf höchst reizvolle Weise, aber letztlich war es auch schuld an Hansjörgs Annäherungsversuchen. „Wieso liegt der ganze Kram hier herum?“, beschwerte ich mich bei mir selbst und schwor mir im gleichen Augenblick, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren, erst recht nichts mit Erdbeergeschmack. Ich stupste das Kleid, das sich zu einem harmlosen Stoffknäuel zusammengerollt hatte, mit dem Fuß in die Ecke, wo es neben ein paar auf dem Boden gestapelten Aktenordnern, aus denen von allen Seiten Blätter herausragten, liegen blieb.

Wieder schrillte die Türklingel mit einem markerschütternden Ton, der mich an eine Krankenwagensirene erinnerte. „Ja, verdammt“, brüllte ich und nahm mir vor, als Nächstes meinen Vermieter zu verklagen, der gleichzeitig die Hausverwaltung ist, da er es trotz mehrfacher Aufforderung immer noch nicht fertiggebracht hatte, eine neue Klingelanlage zu installieren. Wieder stolperte ich, diesmal über meine schwarzen, acht Komma fünf Zentimeter hohen Wildlederpumps, die es sich auf dem Teppich gemütlich gemacht hatten und für meine nächtlichen Wadenkrämpfe verantwortlich waren. Wütend pfefferte ich sie in die Ecke zu dem Kleid, das sich neben den Aktenordnern wie ein Putzlappen ausnahm. Ein ziemlich teurer Putzlappen allerdings. Irgendwie schaffte ich es ins Bad und streifte meinen Morgenmantel über den Pyjama, als es erneut klingelte. In meinen Schläfen pochte es wie wild.

„Lisa? Mach endlich auf!“, rief eine weibliche Stimme von draußen, die ich in meinem Dämmerzustand noch nicht identifizieren konnte. Ich riss die Tür mit einem so heftigen Ruck auf, dass ich sie mir um ein Haar an den Kopf geknallt hätte. Fabiennes Konturen wurden sichtbar. Ungläubig rieb ich mir die letzten Reste Mascara aus den Augen. „Was willst du denn hier?“

„Gott. Wie siehst du denn aus?“, rief Fabienne als Antwort.

„Wie sehe ich denn aus?“

„Ein Vampir ist nichts gegen dich.“

„Das muss an der neuen Mascara liegen. Das Zeug hält nicht, was es verspricht.“

„Das sieht man“, meinte Fabienne trocken und wedelte mit einer Brötchentüte. „Kann ich jetzt endlich hereinkommen, bevor die ersten Erfrierungserscheinungen einsetzen?“ Sie wartete meine Antwort gar nicht erst ab, schob mich zur Seite, legte die Brötchentüte auf die Flurkommode, zog ihren Mantel aus, warf ihn achtlos in eine Ecke und schloss die Tür hinter sich. Fabienne hat schon immer genau gewusst, was sie will.

„Waren wir verabredet?“, fragte ich unwillig.

„Allerdings. Machst du uns einen Kaffee?“

„Ich brauche erst mal zwei Aspirin. Oder besser drei.“ Vorsichtig, um nicht noch über weitere gemeingefährliche Utensilien zu stolpern, tastete ich mich ins Bad vor und entnahm dem Innern meines Spiegelschranks eine Packung Tabletten. Glücklicherweise hatte ich gestern in weiser Voraussicht noch welche besorgt. Als ich in die Küche kam, hatte Fabienne schon den Wasserkocher gefüllt und inspizierte gerade ungefragt meinen Kühlschrank. „Hast du keine Salami? Oder Schinken?“

„Nein. Ich bin Vegetarierin.“

„Seit wann?“

„Seit heute.“

Fabienne förderte neben etwas Bioladen-Tofu und einem zusammengeschrumpelten, halben Broccoli ein Viertel vertrockneten Camembert, drei Scheiben Gouda mit vergilbtem Rand und ein Glas Himbeermarmelade zutage, deren Haltbarkeitsdatum vermutlich schon um Jahre überschritten war.

„Vegetarierin? Als sinnvolle Ergänzung zu den dreißig Zigaretten, die du am Tag rauchst?“, fügte sie ironisch hinzu.

„Gestern waren es mindestens fünfundvierzig“, erwiderte ich mit einem Anflug von Trotz und zündete mir eine an.

„Ach ja. Die Schauspielerparty. Wie war’s denn?“

„Frag nicht. Ich hatte einen Filmriss.“ Ich löste zwei Aspirin in einem Glas Wasser auf, leerte die bitter schmeckende Flüssigkeit mit angeekeltem Gesichtsausdruck und ließ mich dann fix und fertig auf einen Korbstuhl sinken, einem meiner Neuanschaffungen, seit ich vor ungefähr zwei Monaten, drei Tagen und viereinhalb Stunden beschlossen hatte, mein Leben zu ändern. Zum wiederholten Mal.

„Erzähl schon. Wie war’s?“, beharrte Fabienne unbarmherzig und biss in ihr belegtes Brötchen.

„Was?“

„Die Casting-Party.“

„Schrecklich.“

Ein diabolisches Glitzern trat in Fabiennes Augen. Sie freute sich immer, wenn andere etwas Schreckliches erlebten, da ihr eigenes Leben ihr dann gleich viel weniger schrecklich vorkam.

„Wieso?“, wollte sie wissen.

„Weil ich Partys im Allgemeinen hasse. Und diese ganz besonders.“

 

Es stimmte. Ich hasse Partys, und am schlimmsten von allen fand ich Silvesterpartys. Die letzte, zu der ich – nicht ganz freiwillig – gegangen war, war die zur Jahrtausendwende. Aus irgendeinem, mir heute unerfindlichen Grund hatte ich gedacht, man müsse den Einstieg in das bedeutend anmutende Jahr 2000, das sich rückblickend als völlig bedeutungslos erwies, feiern. Ich bereute es bis heute. Im riesigen Loft eines Musikproduzenten in Dahlem, einem der nobleren Stadtteile Berlins, hatten sich an die vierzig Gäste zusammengefunden, die alle einen mehr oder weniger frustrierten und unlustigen Eindruck machten. Wahrscheinlich, weil sie auch Partys hassten und nicht ganz freiwillig dort aufgetaucht waren. In meinem Fall war eine Freundin schuld, die heute keine Freundin mehr ist. Sie war nämlich der Ansicht, dass es nichts Vielversprechenderes als eine glamouröse Silvesterparty gäbe, um den Start ins Neue Jahr zu beginnen. Um damals nicht der Willkür meiner mit übermäßigem Selbstbewusstsein ausgestatteten, feiersüchtigen, immer im zu kurzen Minirock und zu tiefem Dekolleté auftauchenden, cholerischen und flirtsüchtigen Freundin ausgeliefert zu sein, hatte ich beschlossen, meine damalige große Liebe mitzuschleppen, die heute auch keine mehr ist. Jo, wie Little Jo aus Bonanza. Mit richtigem Namen hieß er Joel, aber da er eine Aversion gegen alles Französische hatte, taufte er sich kurzerhand zu Jo um. Kaum waren Jo und ich gegen neun Uhr abends auf der Party aufgetaucht, hatte mich sofort das unbändige Verlangen ergriffen, sie wieder zu verlassen. Jo dagegen war ganz in seinem Element. Denn er mischte sich gern unter Leute, besonders, wenn er diese noch nie vorher gesehen hatte. Unglücklicherweise war dies nicht der einzige Punkt, in dem wir nicht konform waren, weshalb Jo ja heute auch nicht mehr meine große Liebe ist. Als Meister des Smalltalks gelang es ihm binnen weniger Minuten, eine große Schar Fans um sich zu versammeln, die er allesamt glänzend unterhielt mit wahren und erfundenen Episoden aus seinem und dem Leben anderer. Dabei wusste man nie so genau, was wahr und was erstunken und erlogen war, da er beides gleichermaßen überzeugend von sich gab. Wahrscheinlich, weil er selbst an die unwahren Geschichten glaubte, die er angeblich erlebt hatte. Jo war eben durch und durch Entertainer. Während ich mich also, mich krampfhaft an meinem Glas Sekt festhaltend, um ein möglichst fesselndes Gespräch mit meinen Sitznachbarn bemühte, einem voneinander angeödet wirkenden Paar, hatte Jo schon wieder fünf Bier intus und wirkte mit jeder Minute charismatischer, was zur Folge hatte, dass der Kreis seiner Fans sich noch vergrößerte. Meine überaus selbstbewusste Freundin, die in ihrem zu kurzen Minirock mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Barhocker thronte, hatte unterdessen ein Auge auf einen Piloten von der Air France geworfen. Jürgen oder Jörg. Das habe ich verdrängt. Jürgen oder Jörg resümierte gerade, dass sein Beruf ihn praktisch gezwungen habe, polygam zu werden, und entsprach damit ganz dem gängigen Klischee eines Piloten, der in jeder Stadt eine andere hat. Das schien meine flirtsüchtige Freundin allerdings erst richtig zu animieren, sich Jürgen oder Jörg an Land zu ziehen. Denn da sie selbst davon überzeugt war, dass ihre jeweiligen Männer sie ohnehin betrogen, hatte sie sich irgendwann – rein prophylaktisch versteht sich – angewöhnt, ihnen zuvorzukommen und selbst fremdzugehen. In diesem Fall war sie also kurz davor, ihren Freund Hubert zu betrügen, von dem sie natürlich sicher war, dass er sie auch betrog. Was bis heute übrigens unbewiesen ist, meine Freundin jedoch nicht daran hinderte, ungefähr alle zehn Tage sein Handy und die immer wechselnden Passwörter in seinem Computer zu knacken, um sich ungeniert der Lektüre potenzieller Konkurrentinnen hinzugeben und Hubert daraufhin eine Szene zu machen, die sich gewaschen hat. Während das voneinander angeödet wirkende Paar, neben dem ich saß, sich gegenseitig mit latent bösartigen und sarkastischen Bemerkungen, die sich jeweils auf den anderen bezogen, übertrumpfte, hielt kurz nach halb elf eine durch Vorabendserien und Tratschsendungen bekannt gewordene Schauspielerin auf der Party Einzug. Annika irgendwas. In ihrem bodenlangen, hautengen, vielfarbig schimmernden Outfit ähnelte Annika einer schillernden Meerjungfrau, was unweigerlich zur Folge hatte, dass sich die Blicke sämtlicher männlicher Partygäste bewundernd auf sie richteten, unter anderem auch die Blicke Jos und meines von seiner Frau angeödeten Sitznachbarn. Besondere Aufmerksamkeit erzielte dabei Annikas Hintern, der sich in dem glamourösen Hauch von Nichts, das ihn umhüllte, wie eine pralle Birne ausmachte. Da sich mittlerweile herumgesprochen hatte, dass Annika nicht viel im Kopf, dafür aber umso mehr Silikon in ihrem Busen hatte, versuchte erst gar keiner der männlichen Gäste, mit ihr in Dialog zu treten, sondern beschränkte sich stattdessen darauf, sie beziehungsweise ihren Birnenhintern mit lüsternen Blicken zu verschlingen. Unter anderem auch Jo. Kurioserweise war Annika trotz ihrer ziemlich evidenten geistigen Beschränktheit die beste Freundin meiner hyperintelligenten Freundin, was keiner verstand. Auf jeden Fall traf das Sprichwort Gleich und gleich gesellt sich gern nicht auf die beiden zu, sah man einmal von ihren zu vordergründig wirkenden, auf übermäßig sexy getrimmten Outfits ab. Ich weiß noch, dass ich es nicht fassen konnte, wie ungeniert Jo damals Annikas Hintern anstarrte. Ein Wunder, dass ihm die Augen nicht aus dem Kopf fielen. Genauso gut erinnere ich mich auch noch an die Szene, die ich ihm machte, nachdem wir die unselige Party endlich verlassen hatten. Natürlich stritt er alles ab. Hätte ich an seiner Stelle auch getan. Ich weiß zwar nicht mehr, wie, aber irgendwie überlebte ich die Party. Jedenfalls bis Mitternacht, wo sich auf den Gongschlag genau pflichtgemäß alle um den Hals fielen, sich gegenseitig abschleckten und alles Gute fürs kommende Jahr wünschten. Was per se eine Lüge war, da sich die meisten Gäste ja gerade erst kennen gelernt hatten und sich aller Voraussicht nach nie wieder begegnen würden und wollten.

Inhalt :

Die Schwestern Sina und Louise treffen sich nach acht Jahren in Berlin wieder, um das Begräbnis ihrer Mutter in die Wege zu leiten. Dabei treten frühere Animositäten der Schwestern zutage. Louise, die in einer unglücklichen Beziehung zu dem Kunstmaler Tom gefangen ist, beneidet Sina um deren scheinbar freies Leben in Paris. Diese hingegen hat das Gefühl, immer im Schatten ihrer Schwester gestanden zu haben. Der Konflikt zwischen ihnen spitzt sich zu, da finden sie auf einem Dachboden alte Briefe ihrer Mutter.

 

Miriam Franković, die als freie Drehbuch- und Buchautorin in ihrer Wahlheimat Berlin lebt, beschreibt in ihrem zweiten Buch, wie zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, nach und nach ihr wahres Ich entdecken, indem sie die Geschichte ihrer Eltern rekonstruieren.

 

Leseprobe:

 

(Will man der Stimme seines Herzens folgen, muss man erst ihren Klang vernehmen)

 

1

Es ging schon auf Mitternacht zu, aber das Jacco war nur zu gut einem Drittel gefüllt. Tom und Louise saßen an der Theke, in der Nähe des Eingangs.

Vom routinierten Gesang des irischen Pianisten Norman eingelullt, dessen Repertoire Tom und Louise schon auswendig kannten, tropfte nur ab und zu ein vereinzeltes Wort in den Raum. Unruhe machte sich in Louise breit. Das Herz trommelte ihr ohne erkennbaren Grund gegen die Brust. Um den inneren Aufruhr zu bändigen, fingerte sie nach einer Zigarette und nahm einen Schluck Chianti, der ihren Zustand fiebriger Erregung etwas dämpfte. Tom warf ihr einen bewundernden Seitenblick zu und wippte dann mit dem Fuß weiter im Takt der Musik. Norman spielte geradeMichele von den Beatles. Tom wandte sich Louise zu. „Er spielt nicht schlecht, oder?“

„Nein, nicht schlecht“, pflichtete sie ihm bei und blickte zu Norman. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass seine Haare sich schon lichteten. Seine Finger glitten mühelos über die Klaviertastatur. Nach und nach füllten sich die restlichen Barhocker. Francesco nahm mit geschäftiger Miene Bestellungen auf. Tom hatte sich inzwischen auf einen stummen, mimischen Dialog mit Norman eingelassen. Er wippte schneller mit dem Fuß. Louise fand sein heftiges Wippen im Verhältnis zu den ruhigen Akkorden von Michele übertrieben. Aber sie war von Tom gewöhnt, dass etwas an ihm dauernd in Bewegung war, so als würde irgendein innerer Motor ihn antreiben. Seine Nervosität übertrug sich öfter auf sie. Norman gab nun eine irische Ballade zum Besten. Louises Blick kreuzte sich wie zufällig mit seinem und fiel dann auf das Bild, das über dem Flügel an der Wand hing, eines von Toms hier ausgestellten Bildern. Eine spärlich bekleidete Frau mit fleischigen Schenkeln in schwarzen, transparenten Strümpfen. Ihr Kopf lag auf dem dunkelblauen Schädel einer wohlwollend wirkenden Dogge, während ihr Blick selbstvergessen in die Ferne schweifte. Vermutlich zu einem ihrer imaginären Liebhaber, dachte Louise. Erst gestern hatte Norman ihr und Tom zu verstehen gegeben, dass er nichts gegen eine so sinnenfrohe Geliebte einzuwenden hätte, wenn seine Gage ausreichen würde, um die Dame auf dem Bild zu kaufen. Norman schien Louises Gedanken zu erraten und grinste. Sie bemühte sich, die Eindeutigkeit seines Grinsens mit neutralem Gesichtsausdruck zu unterwandern. Aber Tom hatte bereits erkannt, wie sich die Sache in Wirklichkeit verhielt. Oder wie er glaubte, dass die Sache sich verhielt.

„Läuft da was zwischen euch?“ fragte er.

„Was soll zwischen uns laufen? Er singt einfach gut.“

„Stimmt.“ Toms ohnehin schon schmale Lippen verengten sich zu einem noch dünneren Strich. Wie um Verzeihung bittend lächelte er. Aber er konnte sie nicht täuschen. Sein Blick hatte sich binnen Sekunden um eine Spur verdunkelt. Louise spürte fast körperlich, wie die Traurigkeit in ihm hoch kroch. Sie legte ihre Hand auf seine, die sehr warm war. Er drückte ihre Finger als Zeichen des Einverständnisses.

„Geht’s dir gut?“

Sie nickte und löste ihre Hand aus seiner. „Wann gehen wir morgen in die Dali-Ausstellung?“ Er sah sie unschlüssig an.

„Kann sein, dass ich mich morgen mit Fallhammer treffe, wegen der Wandmalerei. Ich muss die Wände in seiner Wohnung ausmessen. Sonst kann ich kein Konzept machen.“

„Ich dachte, ihr hättet schon was ausgemacht.“ Ihre Stimme klang unzufrieden.

„Haben wir auch. Vage. Gestern wusste er aber noch nicht, ob er morgen in Berlin ist.“

Louise nahm diesen unzugänglichen Gesichtsausdruck an, den Tom nicht leiden konnte.

„Ich brauche diesen Job.“ Er zündete sich angespannt eine Zigarette an und hielt Louise die Schachtel hin, aber sie lehnte mit einem knappen Kopfschütteln ab.

„Mach dich doch nicht so abhängig von ihm. Außerdem hast du dich bei den letzten zwei Bildern im Preis viel zu sehr drücken lassen.“

„Das Geld hole ich mir mit der Wandgestaltung in Zermatt wieder raus“, entgegnete Tom.

„Der Auftrag in Zermatt stand schon vor einem Jahr an. Und bis jetzt ist nichts passiert. Der Kerl macht nur leere Versprechungen. Außerdem ist er ein Psychopath. Und du fällst auf ihn rein, weil du ihn als deinen persönlichen Retter auserkoren hast.“

„Wenn schon. Meine Sache.“ Tom knallte sein Bierglas auf die Theke, wandte sich mit einer abrupten Kopfbewegung Francesco zu und deutete auf sein leeres Bierglas.

„Sofort“, meinte Francesco und setzte beim Zapfen seine Plauderei mit einem älteren Gast, der Louise entfernt an Sean Connery erinnerte, fort. Louise knabberte frustriert an einer Salzmandel, die sie aus einem Schälchen auf der Theke gefischt hatte.

„Was ist?“ fragte Tom gereizt.

„Ich habe deine Unverbindlichkeit satt. Deine abstrusen Pläne. Das ewige Hin- und Her. Bei dir weiß man überhaupt nicht, worauf man sich einstellen soll.“

„Dann such dir doch einen von diesen Managertypen. Einen, der von morgens bis abends im Büro hockt und mal eben ein paar Mille locker machen kann.“

„Mir geht es nicht um ein volles Bankkonto. Ich habe nur keine Lust mehr auf dieses Chaos.“

Francesco stellte Tom sein Bier hin. „Das geht aber jetzt aufs Haus.“

„Danke.“ Tom grinste schief. „Dafür schmeiße ich bei dem ersten Bild, was weg geht, eine Runde für euch.“

„Tu, was du nicht lassen kannst“, sagte Francesco und schlug Tom kumpelhaft auf die Schulter.

„Falls du mal wieder was anderes verkaufst als billige, erotische Schmierereien für rosarote Puffwände, von deren Erlös du gerade mal die Miete bezahlen kannst“, rutsche es Louise heraus. Tom warf ihr einen finsteren Blick zu. „Von diesen sogenannten Schmierereien hast du auch profitiert. Ohne das Geld hätten wir den Trip nach Sizilien vergessen können.“

Er leerte sein Bierglas mit einem Zug.

„Ich hätte gern darauf verzichtet, wenn du dich dafür nicht in diesen zweitklassigen Etablissements herumgetrieben hättest. Wer weiß, was du dort noch getrieben hast, außer diese grässlichen Bilder zu verkaufen.“

Toms Blick war kalt. „Ich war mit jeder Nutte im Bett, die mir über den Weg gelaufen ist. Was hast du denn gedacht?“

„Genau das“, erwiderte Louise überzeugt.

Tom reichte es. Er knallte einen Geldschein auf die Theke, stand auf und holte seine Jacke.

„Wo willst du hin?“

„In den Puff. Wohin sonst“, sagte Tom ungerührt. Der Sarkasmus in seiner Stimme widerte Louise an. Der Mann, der Louise an Sean Connery erinnerte und der Toms Worte offenbar für bare Münze nahm, warf ihnen einen irritierten Blick zu. Tom schnappte sich seinen Rucksack, der noch über der Stuhllehne hing.

„Tom!.“ Louise sah ihn flehentlich an.

„Du kannst mich mal“, zischte er und verschwand in Richtung Ausgang. Von Francescos mitfühlendem Blick verfolgt lief Louise ihm nach ins Freie. Es schneite, und die Absätze ihrer Pumps hinterließen schwarze Abdrücke im Schnee.

„Tom. Warte.“

Tom ging, ohne sich umzudrehen, mit schnellen Schritten auf einen Taxistand zu . Ein paar Sekunden später brauste der Wagen mit ihm davon. Louise blieb wie betäubt noch einen Augenblick stehen. Dann lief sie durch die klirrende Kälte nach Hause. Sie streifte sich die Schuhe von den schmerzenden Füßen und ließ sich auf ihre Couch fallen, wo sie regungslos eine Viertelstunde verharrte, fest entschlossen, dem aufkeimenden Gefühl der Verzweiflung zu trotzen. Alles weitere geschah mechanisch. Sie ließ sich eiskaltes Leitungswasser übers Gesicht laufen, erneuerte ihr Make-up, diesmal mit signalrotem Lippenstift, streifte ein Cocktailkleid über und bestellte sich ein Taxi.

„Zum Jacco.” Der Taxifahrer gab Gas. Ein Gefühl verzweifelter Ungebundenheit überfiel sie, als der Wagen durch die nächtlich beleuchteten Straßen fuhr.

„Hast du was liegen lassen?“ Francesco, der hinter der Theke gerade ein paar Whisky einschenkte, sah Louise besorgt an.

„Nein, ich bin nur noch nicht müde.“ Sie rang sich ein Lächeln ab.

„Kommt Tom auch noch?“

„Der schläft schon.“

Francesco nickte. Louise war es egal, ob er ihr die Ausrede abkaufte. Sie setzte sich, die Fassade souveräner Gelassenheit wahrend, auf den einzigen freien Barhocker, wo sie von einer Horde angetrunkener Geschäftsleute umringt war, in deren Mitte eine unscheinbare Frau im Hosenanzug stand. Die Frau warf ihr einen abfälligen Blick zu. Louise spürte gierige Blicke ihren Körper auf- und abwandern. Sie hielt nach Norman Ausschau, der hinter seinem Flügel von ein paar Gästen verdeckt war, die ihn gar nicht zu bemerken schienen. Die Akkorde, die in Louises Ohren ein paar Stunden vorher noch melodisch geklungen hatten, kamen ihr jetzt disharmonisch und schrill vor. Auf dem Barhocker, wo eben noch Tom neben ihr gesessen hatte, saß ein dicklicher Typ mit strähnigen Haaren von undefinierbarer Farbe und starrte apathisch in sein Bierglas.

Einen Moment lang spürte Louise Toms Blick auf sich gerichtet. Aber als sie noch mal hinsah, saß dort immer noch der Dicke und schlürfte an seinem Bier. Sie spürte fast zum Greifen nah Toms Energie. Als würde er neben ihr sitzen und sie ansehen.

Die Augen waren das Auffälligste an Tom. Wie seine Finger waren sie ständig in Bewegung und konnten doch längere Zeit auf einem Punkt verharren, wenn etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Eigentlich guckt Tom immer so, als müsse er alles in sich aufsaugen, was er sieht. Als dürfte ihm keine Kleinigkeit entgehen, dachte sie. Ungeniertes, gieriges Staunen. Das umschrieb den Ausdruck in seinen Augen wohl am besten. Während sich bei anderen die Energie in den Händen, in den Lippen, Nackenmuskeln oder in der Stimme bündelte, bei manchen Leuten sogar in den Haaren, zentrierte sie sich bei Tom in den Augen, deren Blau je nach Gemütslage mit Grautönen variierte.

„Dein Cabernet.“ Francesco stellte ihr den Wein hin. Für Louise hatte es immer etwas Beruhigendes, ein Getränk zu bestellen, das einem dann wirklich gereicht wurde. Ermutigt durch diesen Gedanken sah sie sich um.. Das matt gedimmte Licht und die samtrot bezogenen Barhocker sorgten nebst den diskreten Barkeepern dafür, dass die Gäste, egal, in welcher Stimmung sie die Bar betreten hatten, sie in gedämpfterer Gemütsverfassung wie unter dem Einfluss eines Narkotikums wieder verließen. Nur Tom und sie schienen wie immer die krönende Ausnahme zu sein.

Francesco deutete auf das Bild hinter dem Klavier.

„Dafür hat sich vorhin jemand interessiert. Es war ihm aber zu teuer.“

„Tom geht sicher mit dem Preis runter.“

Louise kletterte vom Barhocker, schnappte sich ihr Glas und ihre Tasche und schlängelte sich durch die Menge in Richtung Flügel. Dort ließ sie sich erleichtert in einer freien Ecknische nieder, aus der sie freie Sicht auf Norman hatte. Er spielte Angie, ihren Lieblingssong von den Stones. With no money in our coats and no lovin‘ in our souls. Dabei sah er sie unverwandt an. Louise dachte, dass sie nichts zu verlieren hatte. Doch noch während sein Blick sich in sie bohrte, wusste sie intuitiv, dass die Sätze, die sie später wechseln würden, seine Blicke Lügen strafen würden.